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Wie können die Feuerwehren dem Schafott der Demografie entrinnen?

Redaktion 26. November 2012

Die freiwilligen Feuerwehren zählen immer weniger Kameraden, immer mehr Wehren sind nur bedingt einsatzfähig oder müssen aufgeben. Wo aber sind die tragfähigen Konzepte und Ideen, die auch in 10 oder 20 Jahren ein leistungsfähiges Feuerwehrwesen im ländlichen Raum erwarten lassen?

Ein Gastbeitrag von Dietger Wille*

Derzeitige rechtliche Ausgestaltung

Brandschutz- und Hilfeleistungsgesetz M-V – BrSchG
㤠2 Aufgaben der Gemeinden
(1) Die Gemeinden haben als Aufgaben des eigenen Wirkungskreises den abwehrenden Brandschutz und die Technische Hilfeleistung in ihrem Gebiet sicherzustellen. Sie haben dazu insbesondere
a) eine den örtlichen Verhältnissen entsprechende leistungsfähige öffentliche Feuerwehr aufzustellen, auszurüsten, zu unterhalten und einzusetzen,……“

Eines der wichtigsten Kriterien zur Messung der Leistungsfähigkeit einer Feuerwehr, ist die Frage, wie oft die als anerkannte Regel der Technik geltende Hilfsfrist von 10 min erreicht werden kann (hierzu siehe auch).

Anforderungen an eine leistungsfähige Feuerwehr

Um den abwehrenden Brandschutz und die technische Hilfeleistung gewährleisten zu können, muss die jeweilige Wehr über genügend gut ausgebildete Mitglieder verfügen, die körperlich in der Lage sind, die Einsatzbelastungen zu meistern und mit der erforderlichen Technik ausgestattet sein. Während Mängel in der technischen Ausstattung durch die jeweilige Gemeinde auch mit Landeshilfe durch entsprechende Beschaffungen kurzfristig leicht zu beheben wären, können fehlende oder mangelhaft ausgebildete Mitglieder durch nichts ersetzt werden. Die Verantwortung in den Wehren ruht bei rückläufigen Mitgliederzahlen auf immer weniger Schultern. Immer weniger Mitglieder steigern die Wahrscheinlichkeit der Verfehlung der angestrebten Hilfsfrist.

Demografie

Von den 1142 freiwilligen Feuerwehren Mecklenburg-Vorpommerns im Jahre 2003 verringerte sich die Anzahl bis Ende 2011 auf nur noch 1018 Wehren. 27635 aktiven Mitgliedern standen nach einem zwischenzeitlichen Höchststand von 28308 Mitgliedern im Jahre 2005 im Jahr 2011 nur noch 26388 Mitglieder gegenüber.

Was die Statistik leider nicht erfasst – die Wehren sind im Schnitt auch älter geworden. Altersbedingtem Ausscheiden stehen wesentlich weniger Neuaufnahmen junger Leute gegenüber. Zur Nachwuchsförderung gab es im Jahre 2003 noch 739 Jugendfeuerwehren mit 8952 Mitgliedern. Am Jahresende 2011 waren es noch 634 Jugendwehren mit 7339 Mitgliedern. Was die Statistik leider auch nicht erfasst – die Anzahl der Jugendlichen, die dauerhaft in den Wehren bleiben, ist sehr gering. Aus eigenem Erleben in der FFW Pensin kann ich berichten, dass wir Anfang 2000 noch 22 Mitglieder in der Jugendwehr hatten – heute 3. Von den vielen ehemaligen Mitgliedern der Jugendfeuerwehr sind gerade 4 in der Feuerwehr, die in absehbarer Zeit auch aus beruflichen Gründen den Ort verlassen könnten. Der derzeitige Altersdurchschnitt der aktiven Kameraden meiner Wehr beträgt 40 Jahre. So ähnlich sieht es in vielen anderen Feuerwehren des ländlichen Raumes aus. Ich befürchte, dass sich der Anstieg des Altersdurchschnittes und der Rückgang der Mitgliederzahlen in den nächsten Jahren beschleunigen werden und ein dramatischer Einbruch der Leistungsfähigkeit die Folge ist.

Lösungsansätze?

Eine seit langem praktizierte Reaktion auf eingeschränkte Leistungsfähigkeit und sinkende Mitgliederzahlen, ist eine verstärkte gemeinsame Alarmierung mehrerer Wehren. Beim Eintreffen an der Einsatzstelle soll sich eine einsatzfähige Mannschaft bilden können. Zudem hat es in den letzten Jahren viele Zusammenschlüsse von Feuerwehren, auch über Gemeindegrenzen hinweg gegeben. Diese Maßnahmen sind aber bestenfalls als Notreaktionen zu begreifen und bieten keinen langfristigen Lösungsansatz.

Sicher ist wohl, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Mehr als ein eingeschränkter Schutz wird auch bei guten Lösungen in großflächigen Gemeinden mit wenigen Einwohnern in Zukunft nicht machbar sein.
Stellen große Feuerwehrstrukturen bei Erhalt möglichst vieler Standorte eine Lösung dar? Ist die Aufgabenträgerschaft bei den amtsangehörigen Gemeinden, die ganz häufig unter nur weniger als 1000 Einwohner haben, noch richtig angesiedelt? Muss auch über hauptamtliche Feuerwehrkräfte im ländlichen Raum nachgedacht werden? Wären die Bürger bereit höhere Abgaben zu leisten, um den Brandschutz sicherzustellen?

Ich denke es ist 5 vor 12, um neue Wege zu finden. Welche Meinung haben Sie?

Dietger Wille ist Wehrführer der FFW Pensin (LK Mecklenburgische Seenplatte) und arbeitet bei der Stadtverwaltung der Universitäts- und Hansestadt Greifswald

 

Comments (4)

  1. Den Nagel auf den Kopf getroffen – könnte man den oben dargestellten Artikel bezeichnen.

    Das Problem ist doch, der Wille eines jeden Bürgers sich freiwillig zu engagieren. Viele von uns Ehrenamtlern nehmen gleichzeitig mehrere Funktionen wahr. So bin ich nicht nur 40 Stunden die Woche beruflich, sondern auch ehrenamtlich in der Gemeindevertretung, der Feuerwehr und in Parteiämtern gebunden. Es ist zu beobachten: Leute, die was machen, machen gleich mehrere Dinge gleichzeitig!

    Würde sich ein Jeder auf die Fahne schreiben „Ich mache auch was unentgeltlich für die Gesellschaft, für andere!“, dann hätten wir auch die o. g. Probleme in den Feuerwehren nicht. Auch wenn der Altersdurchschnitt steigt, gibt es immer „junge“ Leute unter 40/50 Jahren, die NICHTS nebenher machen. Und manchmal reichen ja auch schon 4-5 Leute für eine Löschgruppe der Freiwilligen Feuerwehr, um was zu bewirken!

    Hauptamtliche Feuerwehren in den ländlichen Räumen – nicht bezahlbar!
    Höhere Abgaben für den Brandschutz – nicht mehrheitsfähig und umsetzbar!

    Das ist leider die Realität! Lösungen? Keine?

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    • Zum Teil muss man Ihnen Recht geben, aber die Wurzel allen Übels liegt ganz wo anders. Seit 1990 wurden sehr viele gute und funktionierende Strukturen kaputt gemacht, dies weil ja alles was noch aus der DDR stammt schlecht war und abgeschafft werden musste. Nur dass was aus dem Westen kam war gut, heute sehen wir die Früchte solchen Wahnsinns von damals – der ganze ländliche Raum im Landkreis Vorpommern-Greifswald wurde kaputt gemacht und vegetiert finanziell dahin. Das bischen Tourismus und die paar Handwerksbetriebe können das Ruder nicht herum reissen. Warum gibt man der Bevölkerung und vor allem der Jugend keine Perspektive, warum lässt man sie abwandern damit sie am anderen Ort für ihr Lebensunterhalt sorgen können ?

      Genau an dieser Stelle sollte man anfangen sich Gedaanken zu machen und nicht darüber ob es möglich ist die Abgaben zu erhöhen.

      Bei uns im Dorf wohnen noch weniger als 140 Einwohner, Arbeitsplätze Fehlanzeige, Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung, Gemeindeschwester Fehlanzeige. Ja wie soll denn eine 70 jährige Oma durch den Wald kommen um im nächsten Dorf einkaufen zu können ??? Ihr Mann (sofern er denn noch laufen kann) muss ja per Zwangsanweisung durch die Gemeinde für das Ehrenamt der Freiwilligen Feuerwehr zur Verfügung stehen.

      Also wovon sprechen wir hier eigentlich, doch eigentlich von den Unzulänglichkeiten in die uns die so erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten (O-Ton der FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda, Angela Merkel) in die letzten Jahre geführt hat.

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      • Meiner Auffassung nach hilft es uns wenig, vergangenen Zeiten nachzutrauern. Dabei ist es auch ganz egal, worin man für sich die Ursachen der Entwicklung sieht.

        Ihre Beschreibung der Situation im Dorf unterstreicht ja gerade die Dringlichkeit des Problems.

        Ich denke auch, dass die Wirtschaftsstruktur von Vorpommern die Grundlage für alle gesellschaftlichen Entwicklungen bildet. Aber selbst mit den besten Programmen wird unser Landstrich Menschen verlieren. Schuldzuweisungen helfen bei der Suche nach Lösungen nicht weiter. Trotzdem ist es bitter, wenn man sich so hilflos diesen Entwicklungen ausgeliefert fühlt. Ich empfinde dies auch so.

        Ich möchte mich aber nicht damit abfinden und denke, dass diejenigen die noch hier sind einiges unternehmen können.

        Antworten
  2. Wie wird das Problem eigentlich in anderen Ländern gelöst, die auch große ländliche Räume haben? Ich denke da z.B. an die USA. Gibts dort nicht eine „Feuerwehr-Abgabe“, um die Finanzierung sicherzustellen?

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