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Kleine Anleitung zum mietfreien Wohnen.

Redaktion 4. November 2014

Sie sind Student in Greifswald und wollen mietfrei wohnen? Kein Problem! Ziehen Sie einfach in ein leerstehendes Haus.
Wie wäre es zum Beispiel mit der „Brinke 16/17“? Einige haben sich dort schon einquartiert. Die Kommunarden treffen Sie entweder in Bürgerschaftssitzungen, bei Mahnwachen oder direkt im besetzten Haus. Natürlich gibt es auch Wohnungsbesichtigungen. Sie wollen ja wissen, was sie „anmieten“.
Eine Räumung müssen Sie nicht befürchten. Wer will schon mit staatlicher Gewalt unsere Grundrechte verteidigen?

Nun müssen Sie Ihr mietfreies Wohnen nur noch als rechtschaffend, ehrlich und vor allem alternativlos darstellen. Wie das geht? Ganz einfach, hier ein paar Tipps:

  1. Lügen Sie!
    Natürlich haben Sie das Haus nicht besetzt, um mietfrei zu wohnen. Das wäre ja strafbar. Nein, Sie haben höhere Ziele. Am besten behaupten Sie, ein denkmalgeschütztes Haus vor dem Abriß bewahren. Völlig egal, ob das Haus tatsächlich unter Denkmalschutz steht. Das ist doch deutsches Bürokratengeschwätz. Für Sie ist es ein Denkmal. Und das behaupten Sie immer wieder, in Flugblättern, bei Interviews und vor allem gegenüber der Presse. Sie werden sehen, irgendwann sprechen alle vom „denkmalgeschützten Haus“.
  2. Üben Sie Druck aus!
    Stellen Sie sich über Recht und Gesetz! Das macht ihre Gegner hilflos. Reißen Sie die Initiative an sich und machen Sie sich zum Anwalt der Entrechteten. Täuschen Sie Verhandlungsbereitschaft vor. Geht der Eigentümer auf Ihre Forderungen nicht ein, dann verlangen Sie einen runden Tisch mit allen Repräsentanten der Stadt. Natürlich haben Sie auch Verständnis für die Situation des Eigentümers. Deshalb bieten Sie Kompromisse an. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Tauschobjekt – natürlich nicht auf Ihre Kosten. Am Ende bleiben zwei Alternativen zur Wahl: Entweder bekommen Sie das Haus oder es bleibt weiterhin besetzt. Sie gewinnen also in jedem Fall.
  3. Säen Sie Zweifel!
    Entlarven Sie das Bauvorhaben als rechtswidrig! Dazu müssen Sie die behördlichen Genehmigungen nicht prüfen. Es genügt schon, wenn Sie medienwirksam immer wieder Zweifel äußern. Behaupten Sie einfach, die Abrissgenehmigung hätte gar nicht erteilt werden dürfen. Dabei können Sie wiederum den Denkmalschutz bemühen. Auch die Baugenehmigung hätte nicht erteilt werden dürfen, da seien sich die Fachleute einig – Fachleute kommen immer gut an, aber keine Namen nennen! Wenn Sie wollen, bemühen Sie noch die Bauordnung mit Abstandsflächen, Gebäudehöhen und Nutzung. Wenn Sie das oft genug wiederholen, bleibt etwas hängen. Garantiert!
  4. Appellieren Sie an die Gerechtigkeit!
    Fordern Sie Gerechtigkeit im Umgang mit dem Haus und seinen Bewohnern. Konstruieren Sie Beispiele, in denen sich die Stadt für den Erhalt eines Hauses eingesetzt hat. Scheuen Sie sich nicht vor falschen Vergleichen. Wenn Sie nur laut genug die Ungerechtigkeit anprangern, wird Ihr Appell nicht ungehört verhallen.
  5. Arbeiten Sie mit falschen Zahlen!
    Je mehr Unterstützer Sie haben, desto legaler kommt Ihr Vorhaben bei den Bürgern an. Denn die Masse kann doch unmöglich irren. Schaffen Sie sich Mehrheiten, indem Sie immer wieder davon reden. Nennen Sie anfangs keine konkreten Zahlen, sondern sprechen Sie von den vielen Befürwortern, der großen Anteilnahme, den zahlreichen Helfern und der ganz überwiegenden Mehrheit. Wenn das bei der Presse angekommen ist, dann können Sie auch mal übertreiben: Vierzig Interessenten waren bei der letzten Wohnungsbesichtigung dabei, alles Studenten, die sich keine Wohnung leisten können. Das klingt doch super. Und keiner prüft das nach. Wie auch, bei den zahllosen Unterstützern? Der Trick mit der Menge klappt einfach immer.
  6. Wecken Sie Emotionen!
    Nutzen Sie die Gefühle Ihrer Mitmenschen aus. Beschreiben Sie das Haus in leuchtenden Farben: Die schönen hohen Decken, das alte Treppenhaus, der Garten in seinem urwüchsigen Zustand. Beschwören Sie die Geister der Bewohner, die einmal hier gelebt haben. Schwärmen Sie von der Romantik, gemeinsam im Winter nur mit Ofenheizung und ohne fließendes Wasser in einem Raum zu leben. Manch einer wird sich vielleicht an seine Jugendzeit zurückerinnert fühlen. Kann man so ein Haus wirklich abreißen?
  7. Malen Sie eine düstere Zukunft!
    Zeigen Sie schonungslos und tief betroffen, was bei Abriss des Hauses passiert: Viele Studenten verlieren ihr Dach über dem Kopf, engagierte Kleinunternehmer finden keine neuen Gewerberäume, die ganze Struktur eines Stadtteils wird vernichtet. Der geplante Neubau wird die Stadt nur noch mehr verunstalten. Erinnern Sie an die vielen abgerissenen wertvollen Häuser und die vielen Bausünden in der Stadt. Nennen Sie keine Beispiele – darauf kommt es nicht an. Niemand wird das hinterfragen. So schüren Sie Ängste und provozieren Fragen. Auf diese Weise sind Sie in den Medien immer präsent.
  8. Vergiften Sie den Brunnen!
    Treiben Sie einen Keil in die Reihen Ihrer Gegner. Schüren Sie Vorurteile, Neid und Missgunst. Verlangen Sie Auskunft, warum der Eigentümer so schnell eine Baugenehmigung erhalten hat, wo doch der kleine Mann auf der Straße endlos warten muss. Solidarisieren Sie sich mit den Mietern. Grenzen Sie Vermieter als geldgierig und eigennützig aus. Nutzen Sie populistische Parolen, wie zum Beispiel „Die Häuser denen, die drin wohnen!“. Verlangen Sie die strafrechtliche Verfolgung von Mietwucher und bezahlbaren Wohnraum für alle. Das kommt immer gut an. Denn wer würde sich über eine Reduzierung seiner Miete nicht freuen? Wenn die Streitmacht des Gegners erst einmal aufgeweicht ist, haben Sie leichtes Spiel.
  9. Ziehen Sie den Joker!
    Wenn gar nichts mehr geht, müssen Sie zu Ihrer Geheimwaffe greifen: Erinnern Sie an die deutschen Geschichte! Ist das Dritte Reich nicht aus Ungerechtigkeit, Armut, Inflation und Wohnungsnot hervorgegangen? Wollen Ihre Gegner etwa wieder Faschismus und Krieg? Nein, natürlich nicht. Also ist eine Umverteilung des Vermögens alternativlos. Warum also nicht schon mal mit leerstehenden Häusern beginnen?

Für weitere Fragen wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihre Hausbesetzer!

Autor: Dr. Sascha Ott

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Comments (8)

  1. ……ist ja wirklich richtig beängstigend, wie hier im fünfundzwanzigsten Jahr nach dem Fall der Mauer, mit einem Investor und privatem Eigentum umgesprungen wird. Da fehlt ja nur noch die Errichtung eines „Antifaschistischen Schutzwalls“ und der Ruf nach einem „Spitzbart“ oder einem „Dachdecker“.

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  2. Ganz klar Herr Hochschild, wir stehen kurz vor der EInführung des Sozialismus in Greifswald.Erinnert mich alles ein bißchen an die US Tea Party hier. Die hat ja Obama auch vorgeworfen er sei Kommunist, weil er eine Krankenversicherung einführen wollte.

    Aber mal zum Thema: Ich finde es schon krass wie sie den Wunsch nach bezahlbaren Wohn- und Gewerberaum ins Lächerliche ziehen. Das ist ein wichtiges Thema für die Mieter in unserer Stadt.

    Und warum sollte es eigentlcih keinen Runden Tisch geben? Wäre das nicht eine Möglichkeit die beiden Seiten an einen Tisch zu bringen und damit vielleicht auch die Besetzung zu beenden?

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    • …Weil man sich mit Straftätern/Hausbesetzern nicht an einen, ach noch so runden Tisch setzt. Die beste Möglichkeit um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist, die Wohnungsknappheit durch den Neubau von Wohnungen zu minimieren – und nicht wie Sie und Ihre Freunde glauben, den Wohnungsneubau massiv zu verhindern. Wie „toll“ Ihr Obama ist, konnten wir ja heute mit den US- Wahlergebnissen sehr gut verfolgen…..

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      • Und woher wissen Sie das es sich bei der Bürgerinitiative um Straftäter bzw. Hausbesetzer handelt. Nach meiner Erinnerung hat die BI sich immer von der Besetzung distanziert. Könnte es sein das Sie das bewusst vermischen, um die Bürgerinitiative und ihre Anliegen(bezahlbarer Wohnraum, bezahlbarer Gewerberaum und einen Stadtteltreff) zu kriminalisieren?

        Die von Ihnen jetzt jahrelang forcierte Poltik der Schaffung von teurem Wohnraum, hat übrigens den Anstieg der Mieten noch befeuert. Das ist eine Politik auf dem Rücken der Menschen mit geringem Einkommen in Greifswald. Da gleichen Sie ihrer Schwesterpartei den Republikanern. Für wie „toll“ diese Politik von den Greifswalder Bürgern befunden wird, haben wir bei den Bürgerschaftswahlen gesehen.

        Was wir stattdessen brauchen: Eine Mietpreisbremse die den Anstieg der Mieten bremst und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum durch soziale Wohnungsunternehmen.

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        • ……Lügen haben kurze Beine! Sie wissen ganz genau, dass der Rose-Antrag zu einem o.g. Runden-Tisch die Hausbesetzer mit eingeladen hat. Ich habe niemals (!) behauptet, die Mitglieder der Bürgerinitiative seien Straftäter, wie Sie verlogener Weise hier behaupten. Straftäter sind die Hausbesetzer. Ihre Lügengeschichten zeigen Ihre Unredlichkeit und Unehrlichkeit deutlich. Man darf sich wirklich nur noch wundern, was heute so alles in die Greifswalder Bürgerschaft gewählt wird.

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          • Zunächst sollte es verwundern, WER in die Bürgerschaft gewählt wird und nicht WAS! Und dann darf man sich fragen, welche Partei sukzessiv aus der Bürgerschaft herausgewählt wird und wieso? Könnte mir ja vorstellen, dass das auch mit dem polemischen Dauergepolter von AH und seinen Parteikollegen und den gleichzeitig mitverantworteten Skandalen zusammenhängt. Schon der letzte Kommentar deutet doch darauf hin, dass sich jemand ganz dolle von der Welt bedroht fühlt.

            „Lügen haben kurze Beine! […] Ich habe niemals (!) behauptet, die Mitglieder der Bürgerinitiative seien Straftäter, wie Sie verlogener Weise hier behaupten. […] Ihre Lügengeschichten zeigen Ihre Unredlichkeit und Unehrlichkeit deutlich.“

            Da frage ich mich, ob es nicht auch ne Nummer kleiner geht.

  3. Als einer der von ihnen gemeinten Parteikollegen meine ich bei all ihrem „polemischen Dauergepolter“doch die Botschaft des Leitartikels nicht aus den Augen zu verlieren.
    Eigentum verpflichtet nicht nur,es ist auch ein hohes Gut was es zu schützen gilt.Wenn man aber Hausbesetzer direkt oder indirekt unterstützt,hat man davon wohl noch nichts gehört.Nicht jedes alte Haus ist ein Denkmal und nicht jeder Hausbesetzer ein Denkmalschützer.Fakt ist wer fremdes Eigentum besetzt bzw.sich mit Besetzern gemein macht kann kein Partner am Verhandlungstisch sein.Da hilft auch kein Ablenken auf welche auch immer gemeinten Skandale,die mit diesem Thema nichts zu tun haben.

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